Kühe sind Säugetiere, so wie du und ich. Sie haben individuelle Bedürfnisse nach Nahrung, Sozialkontakt und einer gesunden Umgebung, in der sie sich entwickeln können. Kühe geben nicht von Natur aus dauerhaft Milch. Wie alle Säugetiere produzieren sie Milch nur, wenn sie ein Kalb geboren haben. Deshalb werden Kühe in der Landwirtschaft durchschnittlich jedes Jahr künstlich besamt und trächtig gemacht, um sie nach der Geburt ihres Kalbes kontinuierlich für die Milchproduktion nutzen zu können. 

Was passiert eigentlich mit Kuh und Kalb nach der Geburt? 

Direkt nach der Geburt zeigen beide typisches Mutter-Kind-Verhalten: Die Kuh beleckt ihr Kalb, das Kalb sucht ihre Nähe und beginnt zu saugen. In den ersten Lebenstagen entwickelt sich dabei eine immer stärkere Bindung zwischen den beiden. Der Saugkontakt spielt dabei eine wichtige Rolle: Er fördert unter anderem die Ausschüttung des Hormons Oxytocin, das sogenannte „Kuschel- und Bindungshormon“.

In der Milchproduktion werden Kuh und Kalb meist innerhalb weniger Stunden nach der Geburt getrennt. Warum?

Dahinter steht die wirtschaftliche Realität: Die Kuh soll Milch für die menschliche Nutzung von Milchprodukten geben, nicht für ihr eigenes Kalb. Die frühe Trennung ermöglicht einen Produktionsablauf, bei dem die Milch der Kuh für den Verkauf zur Verfügung steht und die Versorgung des Kalbes unabhängig von der Mutter organisiert werden kann.

Betriebe begründen die frühe Trennung vor allem mit praktischen und finanziellen Argumenten. Als weitere Gründe wird der Schutz vor Krankheiten und die Vermeidung einer stärkeren Mutter-Kind-Bindung genannt. Denn je länger Kuh und Kalb zusammenbleiben, desto schwieriger kann eine spätere Trennung werden.

Und wohin kommt das Kalb danach?

In den ersten Lebenswochen werden Kälber häufig einzeln in sogenannten Iglus oder Kälberboxen gehalten. Diese können im Stall oder im Außenbereich stehen.

Das bedeutet: Nach der Trennung von seiner Mutter lebt ein Kalb zunächst häufig allein in einem Iglu.

In der konventionellen Haltung ist eine Einzelhaltung rechtlich bis zum 56. Lebenstag (8 Wochen) möglich. Später werden die Kälber meist in Gruppen gehalten. Bei ökologischer Haltung ist Gruppenhaltung ab dem 8. Lebenstag vorgeschrieben.

Die Trennung bleibt nicht immer still: Bei einer Bindung zwischen Kuh und Kalb können beide mit Stress, lautem Rufen und Suchverhalten auf die Trennung reagieren. Das Kalb sucht nach seiner Mutter und die Mutter nach ihrem Kalb.

Was wäre eine Alternative?

Es gibt auch kuhgebundene Aufzuchtsysteme. Dabei bleibt das Kalb in der Regel mindestens drei Monate bei seiner Mutter oder einer Ammenkuh und kann so sozialen Kontakt zu einer erwachsenen Kuh haben. In dieser Zeit kann es so oft und viel Milch trinken, wie es für seine Entwicklung benötigt. Der Kontakt zu Artgenossen ist für Kälber sehr wichtig: Sie lernen voneinander, erkunden ihre Umgebung, spielen, saugen und zeigen zahlreiche andere soziale Verhaltensweisen. 

Und was wird aus den Kälbern?

Weibliche Kälber können später als Milchkühe eingesetzt werden; der Großteil der männlichen Kälber wird dagegen für die Mast aufgezogen. Die Kälber verlassen dafür meist den Milchviehbetrieb und gelangen in spezialisierte Aufzucht- oder Mastbetriebe.

Das bedeutet: Milch- und Rindfleischproduktion sind eng miteinander verknüpft und lassen sich nicht unabhängig voneinander betrachten.

Das war der erste von vier Beiträgen rund ums Thema Kälber. Nächste Woche geht es weiter 🐄!