Kälber sind in ihren ersten Lebenswochen besonders anfällig, da ihr Immunsystem bei der Geburt noch nicht vollständig entwickelt ist. Belastungen wie die frühe Trennung von der Mutter, fehlende Muttermilch, Isolation, Transporte oder Veränderungen bei der Fütterung können ihre Gesundheit zusätzlich beeinträchtigen. Entsprechend zeigen viele Kälber bereits in den ersten Lebenswochen Anzeichen von Erkrankungen. Durchschnittlich ist fast jedes zweite Kalb von Gesundheitsproblemen wie Durchfall oder Atemwegserkrankungen betroffen

 

Warum viele Kälber gesundheitliche Probleme entwickeln

Meist gibt es nicht die eine Ursache. Die Kombination aus Haltungsbedingungen, Hygiene, Fütterung, Stress und geschwächtes Immunsystem spielen zusammen. Lange Transportwege in frühem Alter unter sehr schlechten Bedingungen spielen ebenso eine große Rolle. 

Nach der frühen Trennung von der Mutter kann das Kalb nicht mehr direkt bei ihr trinken. Stattdessen wird es häufig mit Milch oder einem industriell hergestellten Ersatzprodukt (sogenannter Milchaustauscher) gefüttert. Dabei ist gerade die erste Milch der Mutterkuh, das sogenannte Kolostrum, besonders wichtig. Sie enthält wichtige Antikörper, die das Kalb in den ersten Lebenswochen für den Aufbau seiner Immunabwehr braucht. Denn bei der Geburt verfügt das Kalb noch nicht über eine ausreichende eigene Immunabwehr und ist deshalb auf diese mütterlichen Abwehrstoffe angewiesen.

Kolostrum ist für das Kalb also nicht nur Nahrung, sondern besonders wichtig für einen guten Start ins Leben.

Auch die Art der Fütterung macht einen Unterschied: Kälber trinken natürlicherweise häufig kleine Mengen bei ihrer Mutter. Bei künstlicher Fütterung bekommt das Kalb dagegen oft größere Mengen in größeren Abständen. Sein Magen kann diese Mengen nicht einfach beliebig aufnehmen. Zu große Mengen können die Verdauung belasten, und führt oft zu Durchfall, was dem Kalb zusätzlich zusetzt, während zu geringe Mengen Hunger und Stress verursachen. Beides kann sich negativ auf die Entwicklung und Gesundheit des Kalbes auswirken. 

Ein weiteres Problem sind Eingriffe wie die Enthornung, die leider zur gängigen Praxis in der Kälberhaltung gehört. Dabei wird die Hornknospe samt dem umliegenden Gewebe mit einem heißen Brennkolben ausgebrannt, damit kein Horn mehr wachsen kann. Landwirt*innen lassen Kälber vor allem enthornen, weil Hörner bei der Haltung in engen Ställen ein Verletzungsrisiko für Tier und Menschen darstellen können. Der Eingriff ist für das Kalb schmerzhaft und belastend. 

In der konventionellen Kälberhaltung gibt es keine allgemeine Vorgabe, die eine Betäubung oder Schmerzbehandlung bei der Enthornung verpflichtet. 

In der ökologischen Haltung darf die Enthornung dagegen nur unter Betäubung erfolgen. Diese kann den Schmerz während des Eingriffs lindern, verhindert ihn aber nicht vollständig. 

Gesundheit beginnt nicht erst bei der Behandlung eines kranken Kalbes. 

Statt die Symptome zu behandeln, müssen sich die Bedingungen, unter denen Kälber aufwachsen, grundlegend verbessern. Mutter-Kind-Kontakt, ausreichend Platz und Bewegung, Weidefreigang, eine bedarfsgerechte Fütterung, gute Hygiene, möglichst wenig belastender Stress und keine langen Transportwege in zu frühem Alter sollten die Grundlage für eine gesunde Entwicklung sein. All das sollte keine Ausnahme sein, sondern zum guten Aufwachsen jedes Kalbes gehören.