Da männliche Kälber keine Milch geben, werden sie in der Regel für die Fleischproduktion gemästet und später geschlachtet. Was viele jedoch nicht wissen: Auch die meisten weiblichen Kälber werden nie zur Milchkuh. Nur etwa ein Drittel von ihnen wird später für die Milchproduktion genutzt. Die übrigen Tiere werden, genau wie ihre männlichen Artgenossen, überwiegend für die Rindfleischproduktion aufgezogen und gemästet.

Angekommen im Mastbetrieb werden die Kälber gemeinsam mit vielen anderen Tieren aus unterschiedlichen Herkunftsbetrieben in Gruppen eingestallt. Für die jungen Tiere ist dies erneut eine große Herausforderung: Sie müssen sich an eine neue Umgebung, neue Artgenossen und veränderte Haltungsbedingungen gewöhnen. Anschließend beginnt die Mast, die je nach Haltungssystem und Fütterung unterschiedlich gestaltet sein kann.

Im Mastbetrieb steht vor allem eines im Mittelpunkt: Die Kälber sollen in möglichst kurzer Zeit viel Gewicht zulegen. Entsprechend sind sowohl die Haltung als auch die Fütterung auf schnelles Wachstum ausgerichtet. Während die Tiere anfangs noch hauptsächlich Milch oder Milchaustauscher erhalten, werden sie mit zunehmendem Alter schrittweise an feste Futtermittel wie Kraft- und Raufutter gewöhnt. Häufig leben die Kälber auf engem Raum, wodurch ihnen weniger Möglichkeiten zur Bewegung und zum Ausweichen bleiben. Gleichzeitig erhöht das Zusammenführen von Tieren aus unterschiedlichen Herkunftsbetrieben das Risiko für die Verbreitung von Krankheiten. Hinzu kommen Stallbedingungen, die nicht immer auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmt sind, etwa wenn weiche, eingestreute Liegeflächen fehlen und damit wichtige Voraussetzungen für Ruhe und Wohlbefinden eingeschränkt werden. 

Auch fehlender Zugang zu Weiden oder Auslauf ins Freie schränkt die Möglichkeiten ein, natürliche Verhaltensweisen auszuleben. Gleichzeitig kann eine stark kraftfutterbetonte Fütterung von den Bedürfnissen der Tiere als Wiederkäuer abweichen und das Risiko für gesundheitliche Probleme erhöhen. Die neue Umgebung, die Trennung von vertrauten Tieren und die Eingliederung in neue Gruppen bedeuten darüber hinaus zusätzlichen Stress für die Kälber. 

 

So beginnt nach der Ankunft im Mastbetrieb für viele Tiere ein weiterer Lebensabschnitt, der von erneuten Umstellungen und Anpassungen geprägt ist.

 

Mastsysteme und Dauer 

Bei der sogenannten Weißmast werden Kälber durchschnittlich bereits nach etwa 25 Wochen, also rund 5,8 Monaten geschlachtet. Bei der Rosémast liegt das Schlachtalter je nach Mastsystem bei rund 7 bis 9 Monaten.

Weißmast

Die Weißmast ist die bekannteste und am weitesten verbreitete Form der Kälbermast. Die Kälber werden dabei bereits nach etwa fünf bis sechs Monaten geschlachtet. Besonders in Ländern wie Italien, Frankreich, den Niederlanden und Belgien gilt helles, fast weißes Kalbfleisch noch immer als Zeichen besonderer Qualität. Um diese gewünschte Fleischfarbe zu erzielen, wird die Fütterung der Tiere gezielt angepasst, sodass der Eisengehalt im Fleisch niedrig bleibt. Die Folge ist häufig ein Eisenmangel, der die Kälber zusätzlich schwächt. Gleichzeitig erhalten sie nur wenig festes Futter sowie Raufutter wie Heu oder Stroh, obwohl diese für die Entwicklung ihres Verdauungssystems von großer Bedeutung sind. Dadurch kann die natürliche Ausbildung des Wiederkäuermagens beeinträchtigt werden 

Besonders paradox: Ein rein optisches Ideal, das für Verbraucher:innen oft mit Qualität, Zartheit und Exklusivität verbunden wird, basiert auf Haltungs- und Fütterungspraktiken, die für die Tiere mit zusätzlichen Belastungen verbunden sind. Es ist also mehr als fragwürdig und kritisch zu betrachten, dass ein "ästhetisches Ideal" des Endprodukts höher bewertet wird als das Wohl der Tiere.

 

Rosémast 

 

Anders als bei der Weißmast erhalten die Kälber nach den ersten Lebenswochen zunehmend festes Futter wie Gras, Heu, Stroh, Mais oder Getreide. Dadurch nehmen sie mehr Eisen auf, wodurch sich die für Rindfleisch typische rosa bis rötliche Fleischfarbe entwickelt. Gleichzeitig wird die Entwicklung des Wiederkäuermagens stärker gefördert als bei der Weißmast. Die Kälber werden in der Regel länger gemästet, erreichen ein höheres Schlachtgewicht und werden meist erst im Alter von etwa sechs bis acht Monaten geschlachtet. Auch hier steht  die effiziente Gewichtszunahme und eine wirtschaftliche Fleischproduktion im Vordergrund. Faktoren wie begrenzter Platz, das Zusammenführen von Tieren unterschiedlicher Herkunft und gesundheitliche Belastungen sind unanhängig von Rose- oder Weißmast ein systematisches Problem.

 

 

Der Blick aufs Ganze

Zwischen Geburt, Transport, Aufzucht, Mast und Schlachtung liegen für viele Kälber nur wenige Monate. Ein kurzes Leben, das von zahlreichen Belastungen geprägt ist. Dabei werden Milch- und Fleischproduktion oft getrennt wahrgenommen, obwohl sie untrennbar miteinander verbunden sind: Ohne Kalb gibt es keine Milch, und ohne die Milchproduktion gäbe es deutlich weniger Mastkälber. Jedes Jahr werden in Deutschland rund 3,6 Millionen Kälber geboren, die direkt Teil dieses Systems sind. Zusammenfassend zeigt sich: Milch und Fleisch sind keine getrennten Produkte, sondern zwei Seiten derselben Industrie. 

 

Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: 

 

Jedes Glas Milch... 
Jeder Joghurt... 
Jedes Stück Käse... 
Beginnt mit einem Kalb.

Zeit, seine Geschichte zu erzählen.....